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BeitragVerfasst: Mi 14. Jan 2009, 23:56:33 
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Cirrus
Cirrus
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Registriert: So 14. Sep 2008, 01:08:35
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Ich hab nochmal einen etwas älteren Beitrag ausgegraben, den ich in der WZ schon gepostet hatte, nun hier auch nochmal. Der Text ist in der Gegenwart geschrieben, weil ich das damals im Bezug auf die aktuelle Wetterlage geschrieben hatte, ich habe aber nun keine Lust das umzuändern, also hab ichs so gelassen. ;)

In diesen Tagen finden über Nordamerika dank der dort stark auflebenden Höhen- und Bodenzyklonalität wieder viele interessante Zyklogenesen statt. Zwei davon, die zeitlich und örtlich nah beieinander, aber sonst in vielen Bereichen sehr verschieden verlaufen stelle ich hier mal gegenüber.

Die erste hat in ihrer Entwicklung bereits stattgefunden, so dass ich die älteren Läufe bemühen muss, in den anderen Fällen dient GFS 12z von heute als Grundlage.

Hier Situation bei der Analyse von gestern 18z.
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Sofort beim ersten Betrachten fällt das kräftige zyklonale Höhensystem über dem Osten Nordamerikas auf. Unter diesem liegt noch Kaltluft vom letzten Kaltluftausbruch in diese Regionen mit 850 hPa Temperaturen unter -15°c über den „Großen Seen“. Von Westen wird jetzt aber mit der flotten Höhenströmung ein Bodentief (rot markiert) herangeführt, welches in den unteren Schichten in seinem Warmsektor zu einer kurzzeitigen deutlichen Milderung führt. Auf der Rückseite des großen Troges über dem Osten nähert sich auch eine kurzwellige Störung, die parallel mit dem Bodentief in Richtung Osten zieht. Das Bodentief liegt dabei in sehr ungünstiger Position für eine Vertiefung, zum einen unter der Achse des Kurzwellentroges, zum anderen steht ihm sehr wenig Energie zur Verfügung, da es kaltseitig des Jets liegt und kaum Chancen hat energiereiche Luft aus den Südstaaten der USA und vom Golf von Mexiko in seinen Kern zu advehieren.
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Dies sieht man auch schön auf der Theta-E-Karte, dem Tief stehen keine Luftmassen mit hohen Theta-E’s zur Verfügung, da zwei Hochdruckgebiete die warmen feuchten Golfluftmassen blockieren.

Wie es mit dem Tief weiterging sehen wir dann in der Analyse des heutigen 6z-Laufes .
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Wie erwartet hat sich das Tief nicht vertieft, der Kerndruck liegt noch bei ca. 1005 hPa. Weiterhin liegt das Tief unter der Achse des Kurzwellentroges, welcher nun immer mehr in die Achse des großen Langewellentroges übergeht . Das Tief selbst verstärkt sich also nicht, allerdings wird eine bedeutsame Entwicklung durch es ausgelöst. Durch die Kaltluftadvektion in Richtung Südosten auf der Rückseite des Paares Bodentief/Kurzwellentrog wird das 12 Stunden zuvor noch kräftige Hochdruckgebiet über dem Süden der USA geschwächt und das Tief kann mit seinem südlichen Teil weiter in Richtung Südosten vordringen.

Springen wir nun noch einmal 18 Stunden weiter, nun auf Basis des aktuellen 12z-Laufes.
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Das alte Tief ist, immer noch mit ca. 1005 hPa auf dem Weg zur Ostküste. Nun ist es zwar auf der Vorderseite des Langwellentroges angekommen, aber mitten im kalten Trogbereich, so dass keine Energie für eine Vertiefung zur Verfügung steht. Zudem ist der Gradient der Isohypsen in diesem Bereich eher schwach bis mäßig, so dass keine signifikante Advektion von zyklonaler Vorticity erfolgen kann. Dieses Tief ist daher nun nicht mehr interessant, die äußerst ungünstige Kombination aus kaltseitiger Position des Jets und achsensenkrechter Lage im Kurzwellentrog ließ keine Vertiefung zu.
Richten wir nun den Blick nach Süden. Hier wurde das ehemalige Bodenhoch durch die Kaltlfutadvektion auf der Rückseite des Langwellentroges nahezu aufgelöst. Das tiefe Geopotential hat sich etwas nach Süden ausgeweitet und die Trogachse bewegt sich in diesem Bereich nun langsam nach Osten. Nordwestlich von Florida hat sich zudem an der äußerst langgestreckten Kaltfront eines Tiefs an der Südspitze Grönlands, die in ihrem Südteil mehrfach verwellt ist eine flache Welle gebildet.

Schauen wir mal 12 Stunden weiter.
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Die ehemalige flache Welle ist nun auf der Ostseite des Troges nach Norden gezogen und hat sich um 15 hPa vertieft. Was sind die Gründe hierfür und der Unterschied zum ersten Tief welches wir begleitet haben? Der erste Unterschied ist, dass es nicht achsensenkrecht zum begleitenden Trog liegt, sondern auf dessen Vorderseite. Hier kann also zyklonale Vorticityadvektion erfolgen, welche durch Auslöse von Hebung eine Vertiefung des Tiefs möglich macht.
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Zur Verdeutlichung die Hebungskarte in 500 hPa. Geradezu lehrbuchhaft erscheint hier die Verteilung der Hebungs- und Absinkgebiete. Auf der Vorderseite des Troges sind viele kräftige Hebungsgebiete zu finden, ausgelöst durch die kräftige zyklonale (positive) Vorticityadvektion. Korrespondierend dazu findet man auf der Rückseite starkes Absinken, ausgelöst durch die negative Vorticityadvektion auf der Rückseite. Ich hab das Tief ungefähr eingezeichnet, man sieht schön, dass es voll im Einflussbereich der zyklonalen Vorticityadvektion liegt. Was man noch schön auf der Karte sieht ist der Grund für die nicht weiter erfolgende Vertiefung des ersten Tiefs trotz der leicht trogvorderseitigen Lage. Weiter oben hatte ich bereits geschrieben, dass es mit der Isohypsendrängung und der daraus folgenden Stärke der Advektion zusammenhängt. Im Norden der Trogachse sind die Isohypsen nicht sehr stark gedrängt. Logischerweise können auch dort die Advektionsvorgänge nicht sehr stark werden, da diese hohe Windgeschwindigkeiten benötigen, welche mit zunehmender Isohypsendrängung auch zunehmen. Eine schwache Isohypsendrängung bedeutet also wenig Wind, wenig Advektion (zyklonaler Vorticity) und wenig Hebung. Dies sieht man auch sehr schön auf der Karte, die Hebung auf der Vorderseite im Norden der Trogachse ist im Vergleich zum Südteil gering. Hier sind nämlich die Isohypsen sehr viel stärker gedrängt, was durch die höheren Windgeschwindigkeiten höhere Beträge der zyklonalen Vorticityadvektion auf der Trogvorderseite ermöglicht. Damit wird hier starke Hebung ausgelöst. Das sich entwickelnde Bodentief hat also hier vom Hebungsantrieb her nahezu ideale Bedingungen. Aber noch ein anderer Faktor hat dem ersten Tief keine Entwicklung ermöglicht, die fehlende Energie. Wie sieht es in diese Beziehung beim zweiten Tief aus?
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Dieses Tief hat durch seine warmseitige Lage im Jetstream viel bessere Bedingungen. Es kann direkt feucht-warme, Theta-E reiche Karibkiluft bis in seinen Kern saugen, wo diese Energie für die weitere Intensivierung des Tiefs liefert. Auch dieser Parameter spricht also für eine weitere Intensivierung.

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Das Tief hat sich seine günstige Lage „zunutze“ gemacht und sich um weitere 20 hPa in 12 Stunden vertieft, was einen Druckfall von 35 hPa in 24 Stunden bedeutet. Weiterhin befindet sich das Tief auf der Vorderseite des Südteils des Troges, dessen Isohypsendrängung sich sogar noch weiter intensiviert hat.
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Erwartungsgemäß tritt auf der Vorderseite des Troges weiterhin kräftige zyklonale Vorticityadvektion auf, welche verbreitet kräftige Hebung auslöst, die auch weiterhin das Bodentief betrifft.
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Auch die Advektion der feucht-warmen Luft direkt in den Kern ist weiter konstant. Noch herrschen also ideale Bedingungen für eine weitere Vertiefung.

Springen wir nun ganze 30 Stunden weiter zum Höhepunkt der Entwicklung.
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Unser Tief hat sich mittlerweile auf 960 hPa vertieft und ist ein voll entwickeltes Orkantief. Der ganze Komplex Trogachse-Orkantief hat sich mittlerweile mit hoher Geschwindigkeit nordwärts bewegt und befindet sich an der Nordspitze Kanadas. Die Lage des Tiefs auf der Trogvorderseite hat bis jetzt seine beachtliche Vertiefung bewirkt. Bei genauerem Hinsehen sieht man nun aber, dass die Trogachse beginnt das Bodentief einzuholen. Eine Konstellation, die wahrscheinlich das Ende der Vertiefung bedeuten würde.
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Auch auf der Hebungskarte sieht man den Anfang vom Ende der Karriere des Tiefs. Das Bodentief zieht langsam aus dem hebungsaktiven Vorderseitenbereich des Troges heraus.
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Auch die Energiezufuhr in den Kern ist mittlerweile abgerissen, das Tief weist eine deutliche Okklusion auf. Es scheint also so, als sollte die Vertiefung der innerhalb von weniger als 60 Stunden zum Orkantief aufgestiegenen flachen Welle vor Florida bei 960 hPa in Nordkanada ihr Ende finden.

Zur Bestätigung schauen wir noch einmal 24 Stunden in die Zukunft.
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Das orkantief hat sich nun abgeschwächt und ist nun in den Kernbereich des Höhentiefs hereingezogen, wo keine signifikanten Advektionsprozesse und Energien zur Verfügung stehen. Folglich hat es sich bereits auf 970 hPa aufgefüllt, was ganz sicher noch nicht das Ende dieses Abschwächungsprozesses sein wird.

Zum Abschluss noch ein letzter Sprung um 12 Stunden.
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Das Tief hat sich nochmal um 15 hPa aufgefüllt und aus dem noch vor 36 Stunden stolzen Orkantief ist nun ein kümmerlich wirkendes kleines 985 hPa- Randtief geworden.

Das soll es nun gewesen sein von zwei zeitlich und örtlich dicht beieinander liegenden, aber in ihren Entwicklungen doch grundverschiedenen Zyklonen. Ich hoffe es konnte einige ein wenig von dem „Gammeltrog“ in Mitteleuropa ablenken. ;)


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