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BeitragVerfasst: Mi 16. Feb 2022, 22:17:21 
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Die Hamburg-Sturmflut 1962

Heute wollen wir uns mal mit einem Wettergeschehen befasssen, das nicht ganz so weit wegliegt wie bei meinem letzten Artikel, nämlich der Sturmflut von 1962 in Hamburg. Wer sich schon ein bisschen befasst hat, weiß, dass mehr als 300 Menschen in jener Nacht vor genau 60 Jahren ums Leben kamen.

Das Sturmtief Vincinette war um den 12. Februar 1962 vor Südostgrönland in der sogenannten Irmingersee entstanden, wo immer wieder Tiefs entstehen. Es war dann in östlicher Richtung gezogen und hatte sich durch den Zusammenprall von polarer Kaltluft und recht milder Luft von Süden kräftig verstärkt. Zu der Zeit versursachte gerade ein anderes Tief eine kräftige Sturmflut über der Nordsee; dieses Tief lag zu der Zeit schon über der mittleren Ostsee.

Der Wind flaute in der Folge über der Nordsee erst einmal ab. Am 15. Februar 1962 lag Vincinette bereits östlich von Island. Schon in der Nacht auf den 16. Februar verstärkte sich das Tief, das langsam weiter nach Osten zog, und der Wind auf der Nordsee verstärkte sich erneut zum Sturm. Am Mittag des 16. Februar lag Vincinette über Südskandinavien und der Sturm über der Nordsee und auch Norddeutschland wurde immer heftiger. Mit Temperaturen zwischen 6 und 8°C war es noch relativ mild. Stürmisch war es dabei in ganz Deutschland; auch München meldete am 16.02.1962 110 km/h. An der Nordsee gab es verbreitet Orkanböen, am stärksten war es auf Sylt, wo die Station Westerland bis zu 158 km/h meldete.

Schon die Mittagsflut war an der Nordsee und auch in Hamburg recht hoch aufgelaufen. Für die Nordseeküste gab es dann bald eine Warnung vor einer besonders schweren Sturmflut - nicht aber für Hamburg, obwohl zumindest die Fachleute eigentlich wissen mussten, dass eine Sturmflut auch die Elbe hinauf läuft, zumal der Sturm allmählich auf NW drehte.

Der Sturm legte am Abend noch zu. Tief Vincinette lag mittlerweile über dem Südosten Schwedens mit einem Kerndruck von 950 hPa. Die Hamburger wurden aber immer noch nicht gewarnt, zum einen weil man sie nicht beunruhigen wollte, zum anderen weil im TV, wo es damals nur ein Programm gab, gerade die sehr beliebte Serie "Die Familie Hesselbach" lief, die man nicht unterbrechen wollte. Den Verantwortlichen wurde aber allmählich die Gefahrensituation klar. Erst nach Programmschluss wurde dann eine Warnung im TV ausgestrahlt, aber da hatten viele Leute den Fernseher schon ausgeschaltet, um ins Bett zu gehen.

Derweil stieg das Wasser immer weiter. In Cuxhaven waren schon Deiche überspült worden, darum hatte es dann eben auch die Warnung für Hamburg - zu spät - gegeben. Draußen tobte der Sturm, drinnen schliefen die Leute. Und dann passierte, was passieren musste: Die Deiche, die in Hamburg zu niedrig waren, wurden an einigen Stellen überspült.

In den vorangegangenen Jahrzehnten war wenig für den Deichbau in der Hansestadt gemacht worden, da sich Notzeiten und Kriege die Klinke in die Hand gegeben hatten. Nach dem 2. Weltkrieg war in Hamburg erst einmal der Wohnungsbau vordringlich, da ein großer Teil Hamburgs im Luftkrieg (Operation Gomorrha) zerstört worden war. So hatte man sich erst mal darauf konzentriert, auch noch nachdem ed durch die Hollandsturmflut von 1953 eine nachdrückliche Warnung gegeben hatte.

Das Wasser ging also in den Stadtbezirken Wilhelmsburg und Waltershof über die Deiche, die mit 5,50 bis 5,70 m über NN zu niedrig waren. Wenn das Wasser über den Deich läuft, dann kann es erstens den Deich komplett durchnässen, und zweitens kann es ihn auf der hinteren, steileren, Seite erodieren. Zudem waren die Deiche nicht gut gepflegt, teilweise hatten die Leute sogar Gemüsebeete auf dem Deich angelegt.

Es gibt eine Tonaufzeichnung, auf der ein Polizist in Waltershof versucht, eine Meldung über den Deichbruch durchzugeben, was aber sehr schwierig war, da der Sturm die Übertragung störte. Jedenfalls ahnten viele Leute nichts. Die Inseln liefen voll wie eine Badewanne, und viele Leute wachten dadurch auf, dass sie in ihren Betten plötzlich im Nassen lagen.

Nun versuchten sie aus ihren Häusern zu entkommen. Gerade in Waltershof gab es eine große Siedlung mit Behelfsbauten, die im und nach dem 2. Weltkrieg entstanden war und wo viele Ausgebombte eine Unterkunft gefunden hatten. Direkt am Deich, wo dieser gebrochen war, wurden auch Häuser weg gespült. Auch der Stadtteil Wilhelmsburg wurde komplett überschwemmt.

In den Behelfsbauten versuchten die Leute aus ihren Häusern zu gelangen. Weglaufen ging nicht mehr, aber sie stiegen aufs Dach, wo sie stundenlang ausharren mussten, im immer kälter werdenden Wind. Manche schafften es aber nicht. Von einer älteren Frau ist zum Beispiel überliefert, dass sie wohl auf ihrem Tisch in ihrem Häuschen stehend ertrunken ist. Sie konnte offenbar die Dachluke nicht öffnen oder gelangte nicht daran. Ihr Sohn, der mit seiner Familie auf dem Dach des nächsten Häuschens saß, verkraftete nicht, dass er seiner Mutter nicht hatte helfen können und soff sich innerhalb weniger Jahre zu Tode.

Indessen liefen die Hilfsmaßnahmen nur zögernd an, weil die ordnende Hand noch fehlte und weil auch erst langsam klar wurde, dass die Ausmaße der Katastrophe sehr groß waren. Der Polizeisenator von Hamburg, Helmut Schmidt, der eigentlich zuständig gewesen wäre, war auf einer Konferenz der Innenminister gewesen und machte sich im Sturm auf den Weg. Er hatte noch viel Glück, dass ihm kein Baum aufs Auto fiel.

Als er eintraf, organisierte er, unter Verstoß gegen das Grundgesetz und anderer Rechtsvorschriften, Hilfe von der Bundeswehr und von europäischen Streitkräften, so dass alsbald Hubschrauber und Boote in den Einsatz gehen konnten. So wurden dann viele Leute von den Dächern ihrer Häuser geholt, in den Mietshäusern in Wilhelmsburg aus der Luft mit Lebensmitteln versorgt und so weiter. Dennoch kamen in Hamburg insgesamt 315 Menschen ums Leben.

Danach wurde der Deichbau in Hamburg ernsthaft in Angriff genommen. Waltershof ist nicht mehr besiedelt, die Behelfssiedlung dort wurde aufgegeben, das Gebiet gehört heute zum Hamburger Hafen. Die Deiche waren schon 1976 so stark verstärkt, dass die Januar-Sturmflut von 1976 (Capella-Orkan), die noch höher auflief als 1962 (6,40 m gegenüber 5,70 m), in Hamburg keine Schäden anrichten konnte.

Ja - das war die schreckliche Nacht genau heute vor 60 Jahren in Hamburg.

https://de.wikipedia.org/wiki/Sturmflut_1962

https://www.ndr.de/geschichte/ndr_retro ... au474.html

http://www.lauritzen-hamburg.de/flut_wilhelmsburg.html

http://www.saevert.de/sturmflut1962.htm

https://www.youtube.com/watch?v=h9p_OSJYc8M

_________________
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